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Talent Acquisition als Cost Center oder Profit Center? Wie man den ROI des Recruitings glaubwürdig rechnet.

  • Autorenbild: Marcus Fischer
    Marcus Fischer
  • vor 6 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Recruiting wird in vielen Unternehmen weiterhin als Kostenstelle betrachtet. Budgetposition. Supportfunktion. Notwendiges Übel, wenn Wachstum oder Ersatzbedarf entsteht. In der Realität ist das jedoch eine bemerkenswert verkürzte Sicht auf die wirtschaftliche Wirkung von Talent Acquisition.


Dabei liegt der Wert von Recruiting selten direkt in der Bilanz. Er liegt in vermiedenen Kosten, beschleunigter Wertschöpfung und besseren Personalentscheidungen. Das Problem: Genau diese Effekte werden in vielen Organisationen nicht systematisch gemessen.


Das Resultat kennt fast jedes TA-Team. Im Executive-Meeting werden Time-to-Fill, Bewerberzahlen und Interviewquoten präsentiert. Die Kennzahlen sind sauber aufbereitet. Aber sie sprechen selten die Sprache des Business. Umsatz, Produktivität, Risiko, Margen.


Wer Recruiting strategisch positionieren will, muss deshalb eine andere Frage beantworten:

Was kostet es eigentlich, wenn Recruiting nicht funktioniert?

Genau hier beginnt eine seriöse ROI-Betrachtung.



Warum Recruiting wirtschaftlich oft unterschätzt wird


Die meisten HR-Reports zeigen Aktivitätskennzahlen. Anzahl Einstellungen, durchschnittliche Besetzungsdauer, Bewerbungsvolumen. Diese Zahlen sind operativ sinnvoll. Strategisch sind sie jedoch nur begrenzt aussagekräftig.


Der wirtschaftliche Effekt entsteht nämlich nicht im Recruitingprozess selbst. Er entsteht im Geschäftsbetrieb, wenn Positionen nicht besetzt sind oder falsche Einstellungen getroffen werden.


Mehrere Studien aus der HR-Forschung und dem Talent-Analytics-Bereich zeigen genau dieses Muster. Der tatsächliche finanzielle Impact von Recruiting entsteht vor allem in drei Bereichen:


  • Produktivitätsverlust durch unbesetzte Stellen

  • Fehlentscheidungen bei Einstellungen

  • externe Kosten durch Personalvermittlungen


Der Recruiting ROI liegt deshalb häufig im verhinderten Schaden und nicht im sichtbaren Output.


Diese Perspektive ist keineswegs neu. Der US-Forscher John Sullivan beschreibt seit Jahren, dass Talent Acquisition ihre Wirkung stärker in betriebswirtschaftlichen Kategorien darstellen muss, um im C-Level ernst genommen zu werden. Auch Benchmarks aus dem Deloitte Human Capital Report zeigen, dass Organisationen mit reifen Recruiting-Analytics deutlich bessere wirtschaftliche Ergebnisse erzielen.


Kurz gesagt:

Recruiting ist kein Kostenfaktor. Es ist ein Risikomanagementsystem für Human Capital.


Der erste Hebel: Cost of Vacancy


Eine offene Stelle ist nicht einfach nur ein administratives Problem. Sie ist ein wirtschaftlicher Produktionsausfall. Wenn eine Position unbesetzt bleibt, entstehen mehrere Effekte gleichzeitig. Projekte verzögern sich. Teams kompensieren Überstunden. Opportunitäten werden verpasst. In kundenorientierten Rollen kann sogar Umsatz verloren gehen.


Um diesen Effekt sichtbar zu machen, nutzen viele Unternehmen die Kennzahl Cost of Vacancy (CoV). Die Grundidee ist einfach: Wie viel wirtschaftlicher Wert geht pro Tag verloren, solange eine Position nicht besetzt ist?


Eine einfache Berechnung sieht so aus:


Cost of Vacancy = Jahreswertschöpfung der Rolle / 220 Arbeitstage


Wenn man die Wertschöpfung approximieren will, wird häufig das 1,5- bis 2-fache des Jahresgehalts als Näherung verwendet. Diese Annahme basiert auf verschiedenen HR-Benchmarkstudien. Ein Beispiel macht das greifbar.


Angenommen:

  • Jahresgehalt: 100’000 CHF

  • geschätzte Wertschöpfung: 1,7 × Gehalt

  • Wertschöpfung pro Jahr: 170’000 CHF


Dann ergibt sich: Cost of Vacancy pro Tag = 170’000 / 220 ≈ 773 CHF


Wenn diese Rolle 60 Tage unbesetzt bleibt, entstehen ungefähr: 773 × 60 = 46’380 CHF Opportunitätskosten.


Die eigentliche Frage lautet also nicht mehr:„Warum dauert diese Besetzung so lange?“ sondern: „Wie viel wirtschaftlicher Schaden entsteht pro Monat?“



Der zweite Hebel: Cost of Bad Hire


Noch teurer als eine offene Stelle ist eine falsche Einstellung. Der Begriff Cost of Bad Hire beschreibt die Gesamtkosten einer Fehlbesetzung. Dazu gehören nicht nur das Gehalt, sondern auch indirekte Effekte wie:


  • erneuter Recruitingprozess

  • verlorene Produktivität

  • Teamdynamik und Fluktuation

  • Trainings- und Onboardingkosten


Studien von SHRM und verschiedenen HR-Beratungen zeigen, dass die Kosten einer Fehlbesetzung je nach Rolle zwischen 30 % und 200 % des Jahresgehalts liegen können. Bei Führungspositionen oder hochspezialisierten Rollen können sie sogar deutlich höher ausfallen. Ein vereinfachtes Beispiel:


Angenommen eine Fachrolle mit:

  • Jahresgehalt: 110’000 CHF

  • Fehlbesetzung wird nach 8 Monaten erkannt


Dann entstehen typischerweise folgende Kosten:

  • Gehalt während der Fehlbesetzung

  • erneutes Recruiting

  • Onboarding der Nachfolge

  • Produktivitätsverlust


Eine konservative Rechnung könnte so aussehen: Gesamtkosten Bad Hire ≈ 1,2 × Jahresgehalt → 132’000 CHF.


Diese Zahl ist natürlich nur eine Näherung. Aber sie zeigt, warum die Qualität der Einstellung (Quality of Hire) wirtschaftlich viel wichtiger sein kann als reine Geschwindigkeit.



Der dritte Hebel: Cost of Agency Fees


Viele Unternehmen greifen bei schwierigen Positionen auf Personalberatungen oder Headhunter zurück. Das ist oft sinnvoll. Gleichzeitig sind die Kosten beträchtlich.


Typische Vermittlungsprovisionen liegen auf dem Markt zwischen 15 % und 40 % des Jahresgehalts. Bei einer Position mit 120’000 CHF Gehalt ergibt sich also schnell eine Vermittlungsgebühr von 18’000 bis 48’000 CHF


Wenn ein Unternehmen pro Jahr mehrere solcher Mandate vergibt, summieren sich diese Kosten erheblich. Hier entsteht ein klar messbarer Business Case für interne Recruiting-Kompetenz. Wenn ein TA-Team durch bessere Sourcing-Strategien oder Talent Pools nur wenige Agenturmandate vermeiden kann, entsteht bereits ein signifikanter ROI.



Ein einfaches Recruiting-ROI-Modell


Aus diesen drei Effekten lässt sich ein pragmatisches ROI-Modell ableiten, das auch im Executive-Meeting verständlich ist.


Der Recruiting-ROI ergibt sich aus:

  • vermiedenen Vakanzkosten

  • vermiedenen Fehlbesetzungen

  • vermiedenen Agenturgebühren


Abzüglich:

  • Recruitingkosten

  • Technologie

  • Teamkosten


Eine vereinfachte Formel könnte so aussehen: Recruiting ROI = (vermiedene Kosten) – Recruitingkosten


Ein Beispiel: Angenommen, ein Unternehmen stellt pro Jahr 120 Personen ein.


Durch ein stärkeres Recruitingmodell werden erreicht:

  • 20 Tage kürzere Besetzungszeit

  • 3 vermiedene Fehlbesetzungen

  • 5 weniger Headhuntermandate


Dann ergibt sich ungefähr:


Vakanzkosten

Cost of Vacancy pro Rolle: 700 CHF / Tag

20 Tage schneller × 120 Einstellungen → 1’680’000 CHF vermiedene Kosten


Bad Hire

3 Fehlbesetzungen vermieden

Kosten pro Bad Hire: 120’000 CHF → 360’000 CHF


Agenturkosten

5 Mandate weniger

Provision pro Mandat: 30’000 CHF → 150’000 CHF


Gesamte wirtschaftliche Wirkung: → 2’190’000 CHF


Wenn das Recruitingteam inklusive Tools 900’000 CHF kostet, ergibt sich ein klar positiver ROI von 1'290'000 CHF. Das ist die Sprache, die auch CFOs verstehen.



Warum viele Unternehmen diese Rechnung trotzdem nicht machen


Trotz ihrer Einfachheit wird diese Art von ROI-Modellen erstaunlich selten eingesetzt. Dafür gibt es mehrere Gründe.


Erstens: Viele HR-Systeme messen Aktivität statt Wirkung. ATS-Dashboards zeigen Funnel-Conversion und Bewerbungszahlen, aber keine wirtschaftlichen Konsequenzen.


Zweitens: Die Berechnung erfordert Annahmen. Wertschöpfung pro Rolle, Produktivitätsfaktoren oder Fehlbesetzungsrisiken sind selten exakt quantifizierbar. Das führt oft dazu, dass Organisationen gar nicht erst rechnen.


Drittens: Recruiting wird kulturell noch immer als Supportfunktion gesehen. In solchen Umfeldern entsteht wenig Druck, betriebswirtschaftliche Modelle zu entwickeln.


Interessanterweise zeigen Organisationen mit reifer Talent-Analytics-Struktur ein anderes Bild. Dort wird Recruiting zunehmend als Werttreiber für den Geschäftserfolg betrachtet.



Was TA-Leader konkret tun können


Wer Recruiting im Unternehmen strategisch positionieren will, muss nicht sofort ein perfektes Modell entwickeln. Schon einfache Annäherungen können die Diskussion verändern. Praktisch bewährt haben sich drei Schritte.


1. Cost of Vacancy sichtbar machen

  • durchschnittliche Besetzungsdauer berechnen

  • wirtschaftlichen Tageswert approximieren

  • Vakanzkosten pro Rolle oder Bereich schätzen


2. Fehlbesetzungen analysieren

  • Frühfluktuation in den ersten 12 Monaten messen

  • Kosten der Neubesetzung kalkulieren

  • Einfluss von Recruitingentscheidungen bewerten


3. Agency-Abhängigkeit transparent machen

  • jährliche Headhunterkosten aggregieren

  • Anteil externer Einstellungen messen

  • Business Case für internes Sourcing entwickeln


Schon diese drei Kennzahlen verändern viele Diskussionen im Management. Plötzlich geht es nicht mehr um das Recruiting-Budget. Es geht um Wertschöpfung und Risikokosten.



Recruiting ist wirtschaftliche Infrastruktur


Recruiting wird oft als Servicefunktion behandelt. In Wirklichkeit ist es Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur eines Unternehmens. Wenn Schlüsselrollen lange unbesetzt bleiben, entsteht wirtschaftlicher Schaden. Wenn Fehlbesetzungen auftreten, entstehen massive Kosten. Wenn Unternehmen dauerhaft auf externe Vermittler angewiesen sind, verlieren sie die strategische Kontrolle über ihren Talentzugang.


Der Wert von Talent Acquisition liegt deshalb selten in einer einzelnen Kennzahl. Er liegt im Zusammenspiel mehrerer Effekte:


  • schnellerer Zugang zu Talent

  • bessere Einstellungsentscheidungen

  • geringere externe Abhängigkeit



Organisationen, die diese Wirkung sichtbar machen, verändern die Rolle des Recruiting grundlegend.


Dann lautet die Diskussion nicht mehr: „Wie teuer ist Recruiting?“, sondern:


„Wie teuer wäre es, wenn wir kein gutes Recruiting hätten?“

Und diese Frage führt fast immer zu einer überraschenden Erkenntnis. Recruiting ist selten ein Cost Center. Es ist ein verdecktes Profit Center.




Quellen



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