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Wenn 1 von 5 Stellenanzeigen eine Lüge ist: Phantom-Jobs und was sie für dein Employer Branding bedeutet

  • Autorenbild: Marcus Fischer
    Marcus Fischer
  • vor 24 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit


Zwei Stunden Arbeit in eine Bewerbung investiert, sorgfältig formuliert, auf die Stelle zugeschnitten – und dann: Funkstille. Nicht wegen mangelnder Passung, sondern weil die Stelle vielleicht nie zur Besetzung vorgesehen war. Willkommen bei den "Phantom Jobs" – Stellenanzeigen ohne echte Besetzungsabsicht. Die Zahlen sind alarmierend: Laut einer aktuellen Studie von Clarify Capital sind 21 Prozent aller Job Postings auf grossen Plattformen Geister-Anzeigen. Das ist kein Randphänomen, sondern eine systematische Vertrauenskrise. Und sie kostet Arbeitgeber mehr, als viele denken.



Was sind Phantom Jobs – und warum gibt es sie überhaupt?


Phantom Jobs sind Stellenanzeigen, die online stehen, obwohl keine echte Absicht besteht, die Position kurzfristig zu besetzen. Manchmal werden sie gepostet, obwohl intern bereits jemand feststeht. Manchmal dienen sie der Budget-Reservierung. Manchmal sind sie einfach Marketing – ein Signal nach aussen: "Wir wachsen, wir sind attraktiv, schau mal her."


Die häufigsten Gründe aus Unternehmenssicht:

  • Budget ist noch nicht freigegeben, aber die Stelle soll "warm gehalten" werden

  • Interne Kandidatin steht bereits fest, aber HR muss formal einen Prozess durchführen

  • Das Unternehmen möchte sichtbar bleiben, auch wenn aktuell kein echtes Hiring läuft

  • Man sammelt proaktiv Talentpools für später

  • Abteilungsleiter wollen Optionen offen halten, ohne sich festzulegen


Das klingt aus interner Sicht vielleicht nachvollziehbar. Aus Sicht der Bewerbenden ist es jedoch Zeitverschwendung. Und Vertrauensbruch.



Die Zahlen lügen nicht – und sie sind brutal


Die Daten, die Clarify Capital 2025 veröffentlicht hat, sind eindeutig. 81 Prozent der Jobsuchenden sind bereits auf Fake-Stellenanzeigen gestossen. Das bedeutet: Fast jeder, der sich aktiv bewirbt, hat bereits Stunden in Bewerbungen investiert, die ins Leere liefen. 68 Prozent sagen klar: Wenn ich merke, dass ein Unternehmen Phantom-Jobs schaltet, bewerbe ich mich dort nie wieder.


Noch drastischer wird es bei der Candidate Experience. Resume Builder hat 2025 in einer Studie ermittelt, dass Kandidaten im Schnitt 4,8 Stunden pro Woche mit Bewerbungen auf Jobs verschwenden, die faktisch nicht existieren. Das sind über 20 Stunden pro Monat – fast drei volle Arbeitstage, die Menschen in schwarze Löcher investieren.


Und die Konsequenzen? Sie sind messbar:

  • Vertrauen in Arbeitgebermarken sinkt drastisch

  • Bewertungen auf Kununu und Glassdoor verschlechtern sich

  • Reichweite echter Stellenanzeigen leidet, weil Algorithmen Unternehmen abstrafen, die nie zurückmelden

  • Top-Talente ziehen sich zurück und bewerben sich nur noch auf persönliche Empfehlung



Wie Phantom Jobs Employer Branding beschädigen


Employer Branding lebt von Vertrauen. Wenn Kandidaten merken – oder auch nur vermuten –, dass Stellenanzeigen nicht echt sind, leidet die Reputation. Und in Zeiten von Glassdoor, Kununu und LinkedIn-Kommentaren bleibt das nicht intern.


Ein konkretes Beispiel: Ein mittelständisches Tech-Unternehmen in der DACH-Region postete über Monate hinweg Anzeigen für Senior-Developer-Rollen. Hunderte bewarben sich. Niemand bekam eine Absage, niemand eine Einladung. Nach vier Monaten tauchten die ersten Posts auf LinkedIn auf: "Hat hier jemand Feedback von Firma X bekommen?" Die Antworten? Einhellig: Nein. Das Ergebnis? Die Firma wurde öffentlich als "Ghosting-Arbeitgeber" gebrandmarkt. Die nächsten echten Stellenanzeigen? Kaum noch Bewerbungen.


Die Rechnung ist einfach: Kurzfristig lassen sich vielleicht Recruitingkosten sparen. Langfristig entstehen höhere Kosten – durch schlechtere Bewerbungen, längere Time-to-Hire bei echten Stellen und einen ramponierten Ruf.


Das schmutzige Geschäft der Kandidaten-Kaperer


Ein besonders problematisches Phänomen sind unseriöse Personaldienstleister, die gezielt mit Phantom-Jobs arbeiten. Die Masche funktioniert so: Sie kopieren echte Stellenanzeigen von Unternehmen, posten sie unter eigenem Namen – und sammeln Bewerbungen ein. Die Kandidaten denken, dass die Agentur im Auftrag handelt, und bewerben sich. In Wahrheit landen ihre Daten bei einem Dienstleister, der sie dann - natürlich gegen eine Vermittlungsgebühr - dem ursprünglich ausschreibenden Unternehmen anbietet. Für die unseriöse Agentur wenig Aufwand und, wenn es klappt, leicht verdientes Geld.


Das Problem ist doppelt: Erstens werden Bewerbende getäuscht, die gar nicht wissen, dass ein Dritter ihre Daten nutzt. Zweitens entsteht für die eigentlich suchenden Unternehmen ein massives Reputationsproblem. Kandidaten beschweren sich auf Bewertungsplattformen über ausbleibende Rückmeldungen – während das Unternehmen von der ganzen Bewerbung nichts weiss, weil sie nie angekommen ist.


In der DACH-Region ist dieses Vorgehen rechtlich fragwürdig, wird aber kaum verfolgt. Auf LinkedIn und Indeed tauchen regelmässig identische Anzeigen von verschiedenen "Personalberatungen" auf – ein klares Warnsignal. Für Unternehmen bedeutet das: Wer seine Marke schützen will, sollte seine Stellenanzeigen aktiv monitoren und bei Missbrauch sofort reagieren.


Warnsignale für Jobsuchende


Für Bewerbende gibt es einige Warnsignale:

  • Die Anzeige steht seit mehr als drei Monaten online

  • Keine Reaktion, auch nicht nach mehrmaligem Nachfassen

  • Identische Anzeigen werden alle paar Wochen neu gepostet

  • Das Unternehmen hat auf Bewertungsplattformen Beschwerden über "Ghosting"

  • Die Stellenbeschreibung ist extrem vage oder standardisiert


Wenn drei oder mehr dieser Punkte zutreffen, lohnt es sich, kritisch zu hinterfragen, ob eine Bewerbung sinnvoll ist.



Was Arbeitgeber tun können – und sollten


Die Lösung ist nicht kompliziert. Sie erfordert nur Ehrlichkeit und ein bisschen Prozessdisziplin.


Erstens: Poste nur Stellen, die du wirklich besetzen willst.

Klingt banal, ist aber offenbar nicht selbstverständlich. Wenn das Budget nicht steht, warte. Wenn die interne Besetzung schon klar ist, poste die Anzeige gar nicht erst extern.


Zweitens: Kommuniziere transparent.

Wenn du eine Anzeige online lässt, obwohl der

Prozess pausiert, sag es. Ein kurzes Update auf der Karriereseite oder in der Jobbörse kostet nichts – und zeigt Respekt.


Drittens: Implementiere eine Absagepflicht.

Jede Bewerbung verdient eine Rückmeldung. Punkt. Wenn du das nicht leisten kannst, hast du ein Prozess- oder Ressourcenproblem, das du lösen musst – nicht auf dem Rücken der Bewerbenden.


Viertens: Nutze Transparenz-Signale.

Einige Unternehmen experimentieren bereits mit zusätzlichen Informationen in ihren Stellenanzeigen:

  • "Gepostet am: XX.XX.XXXX, zuletzt aktualisiert: XX.XX.XXXX"

  • "Erwarteter Start des Auswahlprozesses: Q2 2026"

  • "Status: Aktiv im Bewerbungsprozess" vs. "Status: Pausiert"


Solche kleinen Ergänzungen kosten fast nichts, schaffen aber Klarheit.



Ein Blick in die Zukunft: Regulierung und Plattform-Druck


Es ist absehbar, dass das Problem der Phantom-Jobs nicht von allein verschwindet. In den USA wird bereits über gesetzliche Regelungen diskutiert – etwa über eine Pflicht zur Kennzeichnung des Posting-Datums und des Status. In der EU könnte das Thema unter dem Gesichtspunkt fairer Beschäftigungspraktiken relevant werden.


Auch die Plattformen selbst reagieren. LinkedIn hat 2025 damit begonnen, Unternehmen abzustrafen, die dauerhaft Anzeigen schalten, aber nie reagieren. Der Algorithmus stuft solche Profile herunter. Gleiches gilt für Indeed und StepStone. Wer als Arbeitgeber zu oft "ghostet", wird weniger sichtbar.


Die Botschaft ist klar: Transparenz wird nicht mehr nur erwartet – sie wird zunehmend erzwungen.



Ehrlichkeit ist keine Kür, sondern Pflicht


Phantom Jobs mögen kurzfristig praktisch erscheinen. Sie halten Optionen offen, signalisieren Wachstum und kosten auf den ersten Blick nichts. Aber sie zerstören etwas viel Wertvolleres: Vertrauen. Und Vertrauen ist die Basis jeder starken Arbeitgebermarke.

Im "War for Talent" gewinnt nicht, wer mit Tricks arbeitet, sondern wer mit Klarheit überzeugt. Nur zu posten, was ernsthaft besetzt werden soll. Zu antworten, wenn Menschen sich die Mühe machen, sich zu bewerben. Und wenn eine Stelle pausiert werden muss, offen darüber zu kommunizieren.


Karma is a bitch: Ehrlichkeit gewinnt langfristig. Täuschung verliert – nicht sofort, aber langfristig ziemlich sicher.


Quellen


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