Wenn Talent kein Headcount mehr ist – warum Talent Acquisition die Contingent Workforce nicht länger ausblenden sollte
- Marcus Fischer
- vor 1 Stunde
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In vielen Unternehmen läuft gerade eine stille Verschiebung. Nicht laut, nicht strategisch beschlossen – sondern operativ getrieben. Ein Projekt startet. Es fehlt eine Schlüsselkompetenz. Die Linie organisiert schnell einen Freelancer. Ein Transformationsprogramm braucht kurzfristig Expertise. Interim wird eingekauft. Parallel dazu arbeitet Talent Acquisition (TA) an der nächsten Festanstellung, sauber im Prozess, abgestimmt mit Budget und Headcount.
Beide Welten lösen dasselbe Problem: Zugang zu Talent. Aber sie sprechen nicht miteinander.
Das Ergebnis ist kein bewusst gestaltetes Workforce-Modell, sondern ein Nebeneinander von Logiken. Auf der einen Seite strukturiertes Recruiting mit klaren Standards. Auf der anderen Seite ein fragmentierter Markt externer Ressourcen, gesteuert nach Geschwindigkeit, Verfügbarkeit und oft auch schlicht nach Gewohnheit.
Genau dieses Nebeneinander führt zu Herausforderungen, die viele Organisationen unterschätzen: Nicht der Mangel an Talent ist das Problem, sondern die fehlende Integration der verschiedenen Talentformen.
Der blinde Fleck im klassischen TA Operating Model
In vielen Organisationen gilt ein implizites Prinzip:
Festanstellung = HR / TA
Externe Ressourcen = Einkauf / Linie
Das wirkt sauber getrennt, ist aber operativ selten effizient, denn Arbeit wird zunehmend anders organisiert:
Projekte statt Linienfunktionen
Temporäre statt dauerhafte Skillbedarfe
Schnelligkeit vor langfristiger Planbarkeit
Spezialisierung statt Generalisierung
Analysen von Gartner zeigen seit Jahren, dass Unternehmen verstärkt hybride Workforce-Modelle einsetzen. Interne und externe Talente werden parallel genutzt – oft ohne gemeinsame Steuerung.
Der Begriff „Total Talent Management“ beschreibt genau diesen notwendigen Perspektivwechsel: Alle Talentformen werden integriert gedacht. Die Realität ist meist: getrennte Welten.
Contingent Workforce: Der unterschätzte Teil des Talentmarkts
Die Contingent Workforce ist kein Randphänomen. Sie umfasst:
Freelancer und Selbstständige
Interimsmanager
Projektbasierte Spezialisten
Temporär Beschäftigte je nach Marktstruktur
Berater mit operativer Verantwortung
Was diese Gruppen verbindet, ist nicht ihre Rolle, sondern ihr Vertragsmodell.
Und genau hier liegt ein Denkfehler.
Aus Sicht des Business macht es keinen Unterschied, ob ein kritischer Skill intern oder extern kommt. Entscheidend ist:
Verfügbarkeit
Qualität
Geschwindigkeit
Wirkung im Projekt
Die Vertragsform ist nachgelagert. Die Talentfrage ist vorgelagert.
Einkauf vs. TA: Zwei Logiken, ein Problem
Viele Unternehmen steuern externe Ressourcen über den Einkauf. Das ist nachvollziehbar – aber nicht ausreichend.
Einkauf optimiert typischerweise auf:
Kosten
Vertragsbedingungen
Lieferantenstruktur
TA optimiert auf:
Skill-Fit
Performance
Cultural Fit
Nachhaltige Besetzungsqualität
Beide Perspektiven sind legitim. Aber isoliert führen sie zu Reibung. Typische Effekte in der Praxis:
Externe werden über Agenturen eingekauft, ohne klare Qualitätsdefinition
Kein konsistentes Skill- oder Rollenverständnis
Wiederkehrende Bedarfe werden jedes Mal neu gelöst
Keine systematische Talent-Pipeline für externe Profile
Fehlende Transparenz über tatsächlich eingesetzte Ressourcen
Viele Unternehmen behandeln externe Talente wie Lieferanten – und erwarten gleichzeitig, dass sie wie Top-Performer funktionieren.
Compliance: Das Risiko, das keiner aktiv managt
Der vielleicht stärkste Treiber für ein integriertes Modell ist nicht Effizienz, sondern Risiko.
Scheinselbständigkeit
Gerade im DACH-Raum ist die Abgrenzung heikel.
Wenn externe Mitarbeitende:
weisungsgebunden arbeiten
in interne Prozesse eingebunden sind
keine unternehmerische Autonomie haben
kann rechtlich schnell eine Scheinselbständigkeit entstehen.
Die Konsequenzen:
Nachzahlungen von Sozialabgaben
rechtliche Auseinandersetzungen
Reputationsrisiken
Datenschutz und DSGVO
Externe Talente werden oft über verschiedene Kanäle gesteuert:
Plattformen
Agenturen
Direktkontakte
Ohne klare Governance entstehen schnell Probleme:
Unklare Datenverarbeitung
fehlende Einwilligungen
intransparente Speicherung von Profilen
Reports von Deloitte zeigen, dass genau diese Governance-Fragen zu den grössten Herausforderungen in hybriden Workforce-Modellen gehören.
Das strukturelle Problem: Die Verantwortung ist oft verteilt – das Risiko nicht.
Total Talent Management: Kein Buzzword, sondern Notwendigkeit
Total Talent Management (TTM) bedeutet, den gesamten Talentmarkt integriert zu betrachten. Nicht als HR-Projekt. Sondern als Geschäftsmodell-Thema.
Kernelemente eines funktionierenden Ansatzes:
Gemeinsame Workforce-Planung (intern + extern)
Einheitliche Skill- und Rollenmodelle
Transparenz über alle eingesetzten Talente
Klare Governance zwischen HR, Einkauf und Business
Integration von Systemen (z.B. ATS und Vendor Management)
Untersuchungen der Adecco Group zeigen, dass viele Unternehmen im DACH-Raum genau hier Lücken haben – trotz wachsender Nutzung externer Arbeitsformen. Die Erkenntnis ist simpel: Der Markt entwickelt sich schneller als die Organisationsmodelle.
Die Rolle von TA: Einfluss statt Kontrolle
TA wird dieses Modell in den seltensten Fällen selbst entscheiden. Die Weichen werden auf Unternehmens- oder Bereichsebene gestellt. Die relevante Frage ist daher nicht „Besitzt TA das Thema?“ sondern „Wie positioniert sich TA darin?“.
Konkrete Hebel:
Qualitätsdefinitionen etablieren
Welche Skills und Profile werden benötigt – unabhängig vom Vertragsmodell?
Talent Pools erweitern
Auch externe Talente können strukturiert aufgebaut und wiederverwendet werden.
Auswahlprozesse mitgestalten
Gerade bei kritischen Rollen sollte TA involviert sein – auch bei externen Ressourcen.
Transparenz schaffen
Wer arbeitet im Unternehmen – intern und extern?
Schnittstellen zum Einkauf klären
Keine Parallelstrukturen, sondern abgestimmte Rollen.
Workforce Planning erweitern
Externe Ressourcen als integralen Bestandteil denken.
Das Ziel ist nicht Kontrolle. Das Ziel ist Relevanz.
Typische Stolpersteine in der Umsetzung
Die Herausforderung ist die Umsetzung in bestehenden Strukturen:
Wiederkehrende Muster:
Silos zwischen HR, Einkauf und Business
Fehlende Daten über externe Workforce
Fragmentierte Systemlandschaft
Unterschiedliche Zielsysteme (Kosten vs. Qualität)
Unklare Verantwortlichkeiten bei Compliance
Was hilft:
Gemeinsame KPIs
Klare Governance-Strukturen
Frühe Einbindung von Legal
Pilotbereiche statt Big-Bang-Transformation
Sichtbare Quick Wins für Fachbereiche
Pragmatisch formuliert: Man muss nicht alles sofort lösen. Aber man sollte anfangen.
Positionierung entscheidet über Relevanz
Die Integration von Contingent Workforce wird in den meisten Unternehmen nicht von TA entschieden. Sie entsteht aus Business-Bedarf, Geschwindigkeit und Marktlogik.
Die entscheidende Frage ist deshalb eine andere: Welche Rolle spielt TA in diesem System?
Wenn TA das Thema ignoriert:
gestalten Einkauf und Linie den Markt
entstehen Qualitäts- und Transparenzprobleme
werden Risiken erst sichtbar, wenn sie eskalieren
Wenn TA sich aktiv positioniert:
entsteht ein integrierter Blick auf Talent
verbessert sich die Entscheidungsqualität
werden Risiken früher adressiert
TA muss nicht alles steuern. Aber TA kann den Unterschied machen zwischen einem fragmentierten und einem bewusst gestalteten Talentmodell. Und genau daran wird sich künftig messen lassen, ob TA strategisch relevant bleibt – oder operativ sauber, aber zunehmend am Rand agiert.